Krisenplan erstellen:
Informationen für Therapeuten

In nur wenigen Schritten können Betroffene ihren eigenen Krisenplan erstellen. Bereiten Sie ratsuchende Personen auf kommende Krisen vor und erstellen Sie zusammen einen Krisenplan!

Informationen für Psychotherapeuten

In der therapeutischen Literatur gibt es über Therapieansätze und -schulen hinweg die Idee, ratsuchenden Personen klare Handlungsempfehlungen mitzugeben, wenn diese sich in einer psychischen Krise befinden oder merken, dass sie darauf zusteuern. Bei der Konzeption der Krisenplan-App haben wir verschiedene Krisenpläne analysiert und mit therapeutischem Fachpersonal über die Vor- und Nachteile gesprochen. Die häufigste Gemeinsamkeit aller betrachteten Krisenpläne besteht in der Struktur: für gewöhnlich soll die ratsuchende Person zunächst eigenständig versuchen hilfreiche Maßnahmen zu ergreifen. Helfen diese nicht oder fühlt sich die betroffene Person nicht dazu in der Lage sie durchzuführen, soll externe Hilfe in Anspruch genommen werden.

Die von uns gewählte Struktur basiert auf dem Krisenplan von Barbara Stanley & Gregory Brown (2009, 2012), deren „Safety Planning Intervention“ vom Suicide Prevention Resource Center als Best Practice eingestuft wird. Sollten Sie eine der vorgegebenen Kategorien für einen Krisenplan nicht benötigen, können Sie sie aber einfach weglassen.

In welchen Fällen ist Krisenplan sinnvoll?

Krisenpläne wurden ursprünglich vor allem für suizidale Krisen entwickelt, eignen sich jedoch auch für weniger gravierende Krisen. Als psychische Krise sehen wir emotionale Ausnahmezustände, in denen eine Person zu dysfunktionalen Gedanken und Handlungen neigt. Dies können Suizidgedanken oder der Drang zu selbstverletzendem Verhalten sein, aber auch der Drang zu Überessen, Übergeben, zur Einnahme psychotroper Substanzen oder Angstzustände. Der Krisenplan soll dabei helfen, diese Zustände eigenständig oder mit fremder Hilfe zu bewältigen. Die App hilft dem Betroffenen bei der Anwendung, da sie den Krisenplan griffbereit macht und die Anwendung vereinfacht.

Wichtig bei der Erstellung des Krisenplans ist, dass dieser in Zusammenarbeit mit der zu behandelnden Person konzipiert wird (Jobes, 2006). Diese sollte bei der Formulierung von Maßnahmen möglichst ihre eigenen Worte verwenden und die Schritte selbst notieren. Zudem kann in Erwägung gezogen werden, ob sich die zu behandelnde Person in irgendeiner Weise verpflichten sollte, den Plan im Krisenplan zu befolgen, z.B. durch einen Vertrag oder Bündnis zwischen ratsuchender Person und dem therapeutischen Fachpersonal.

Vorbereitung

Risikofaktoren und Frühwarnzeichen identifizieren: Damit die ratsuchende Person weiß, wann er den Krisenplan anwenden soll, müssen zunächst Frühwarnzeichen identifiziert werden. Die ratsuchende Person sollte üben, diese im Alltag eigenständig zu erkennen. Hierbei ist auch die Steigerung der Selbstachtsamkeit hilfreich. Frühwarnzeichen treten bei Anbahnungen von Krisen als erstes auf und können z.B. bestimmte Situationen, Bilder, Gedanken, Gedankenmuster, Gefühle oder Verhaltensweisen sein. Die Frühwarnzeichen sollten unbedingt ernst genommen werden, damit die Person rechtzeitig reagieren und der Krise entgegenwirken kann. Ein zögerliches Verhalten ist oft ein entscheidender Fehler.

Bei Personen, die in Krisen den Drang haben könnten, bestimmte Gegenstände (z.B. Waffen) oder Substanzen (z.B. Alkohol, Medikamente, Drogen) zu missbrauchen, sollte zudem in Betracht gezogen werden, ob und wie der Zugang hierzu eingeschränkt werden kann.

Der Aufbau des Krisenplans

In der Krisenplan-App gibt es vier Kategorien an Handlungsstrategien. Sollte eine Kategorie nicht relevant für die zu behandelnde Person sein, kann sie einfach weggelassen werden. Es können beliebig viele Schritte zu jeder Kategorie hinzugefügt werden. Bedenken Sie jedoch, dass der Krisenplan eine einfache, klare und präzise Unterstützung sein soll. Der Plan sollte nicht mit verschiedenen Optionen, aus denen die zu behandelnde Person wählen kann, bestehen, sondern als eindeutige Anweisung verstanden werden können.

Die vier Kategorien des Krisenplans

Es können beliebig viele Schritte aus vier verschiedenen Kategorien zu dem Krisenplan hinzugefügt werden.

Im Krisenfall soll der ratsuchende Person den Plan Schritt für Schritt von oben nach unten durcharbeiten.

  • 1. Bewältigungsstrategien

    Bei manchen von Ihnen als Skills bekannt, geht es hierbei um Fertigkeiten, die die ratsuchende Person eigenständig durchführen kann, um die Krise zu bewältigen und ihre Situation zu verbessern. Welche Strategien helfen, ist individuell abhängig von der jeweiligen Person. Da es hunderte von möglichen Strategien gibt, empfiehlt es sich, zunächst mit der zu behandelnden Person zu besprechen, ob und welche Maßnahmen in der Vergangenheit schon einmal geholfen haben. Alternativ kann man ihr tatsächlich Listen von möglichen Strategien geben und ihn bitten zu markieren, welche Strategien hilfreich sein könnten. Es empfiehlt sich, identifizierte Strategien anschließend zu erproben und darauf basierend zu bewerten, welche sich tatsächlich für den Krisenplan eignet.

    Auf die Auswahl geeigneter Bewältigungsstrategien sollte besonders viel Energie verwendet werden. Wirksame Strategien helfen der ratsuchenden Person, sich selbstwirksam zu fühlen und zu realisieren, dass er Krisen eigenständig meistern kann.

    Beispiele für Bewältigungsstrategien sind spazieren gehen, inspirierende Musik hören, (kalt) duschen, Sport, einem Hobby nachgehen, lesen, aufräumen oder sauber machen. Eine Liste mit Beispielen finden Sie auch hier sowie in verschiedenen Therapiemanualen, z.B. in Therapie-Tools Depression.

    Die Auswahl sollte immer mit der ratsuchenden Person gemeinsam geschehen, vor allem auch bei Strategien, die extreme Sinnesreize auslösen (bspw. an Ammoniak riechen). Von Vorteil ist, wenn eine Strategie der Person Freude bereitet, das Gefühl von Wirksamkeit und Können bewirkt oder sinnstiftend ist.

    Wenn Bewältigungsstrategien ausgewählt wurden, empfiehlt es sich, mit der ratsuchenden Person noch einmal zu prüfen, ob es Schwierigkeiten in der Umsetzung geben könnte. Die Strategien sollten möglichst immer und überall umsetzbar sein und die ratsuchende Person Klient sollte sich dazu, auch im Krisenfall, in der Lage sehen. Definieren Sie ruhig mehrere Strategien und sortieren Sie sie nach erwarteter Umsetzbarkeit und Wirksamkeit.

    ToDo:
    • Hilfreiche Bewältigungsstrategien identifizieren
    • Wirksamkeit und Umsetzbarkeit prüfen

  • 2. Personen oder Orte zur Ablenkung

    Die Idee hinter dieser Kategorie besteht darin, dass Klienten häufig ihrem Drang zu dysfunktionalen Verhaltensweisen nicht nachgehen, wenn sie in Kontakt mit anderen Personen sind. Der Kontakt lenkt sie zudem von ihren problematischen Gedanken und Emotionen ab, was gleichzeitig zu einer Besserung des Befindens führen kann. So wird jemand mit dem Drang sich selbst zu verletzen dies wahrscheinlich nicht tun, wenn er sich in einem öffentlichen Café aufhält oder gerade mit einem Freund spazieren geht. Wichtig ist nur, dass ein entsprechender Ort nicht das dysfunktionale Verhalten begünstigt. So ist es z.B. bei zu behandelnden Personen mit einem Suchtproblem wichtig, dass an dem öffentlichen Ort das Suchtmittel (z.B. Alkohol) nicht zur Verfügung steht.

    ToDo:
    • Personen und Orte zur Ablenkung identifizieren
    • Ergebnisse auf „Gefahren“ prüfen

  • 3. Hilfe von Vertrauenspersonen

    In dieser Kategorie sind Menschen zu identifizieren, die im Krisenfall der ratsuchenden Person aktiv bei der Bewältigung helfen können. Häufig wissen diese bereits, wem sie vertrauen und wer im Krisenfall hilfreich sein kann. Wichtig ist jedoch, dass die Vertrauensperson auch willens ist, in einer solchen Situation kontaktiert zu werden und sich in der Lage sieht zu helfen. Wenn aus Sicht der ratsuchenden Person eine geeignete Vertrauensperson identifiziert ist, sollten Sie oder die ratsuchenden Person mit der Vertrauensperson darüber sprechen, ob sie bereit ist zu helfen, und erklären, wie sie sich im Krisenfall verhalten sollten. Hierbei sollte durchaus auch auf individuelle Wünsche der ratsuchenden Person eingegangen werden. Es kann sinnvoll sein, der Vertrauensperson den gesamten Krisenplan zu erklären, damit sie auch geeignete Bewältigungsstrategien kennt und weiß, wo und wie professionelle Hilfe hinzugezogen werden kann. Sprechen Sie die Vertrauensperson am besten direkt auf Ängste und Sorgen an und erklären Sie ihr, wie sie damit umgehen soll, wenn sie sich mit einer Krisensituation überfordert fühlt.

    ToDo:
    • Mögliche unterstützende Personen identifizieren
    • Bereitschaft der Personen zu helfen klären und informieren, wie sie sich im Krisenfall verhalten sollten

  • 4. Professionelle Hilfe und Krisendienste

    Unter professioneller Hilfe können Therapeuten, Ärzte, Pflegekräfte, Krisendienste, die Telefonseelsorge, andere professionelle Anlaufstellen und auch der Notruf gelistet werden. Wichtig ist, dass mindestens eine Anlaufstelle jederzeit, also 24 Stunden am Tag 7 Tage die Woche, erreichbar ist. Sie sollten mit der ratuschenden Person auch ihre Erwartungen an den Kontakt mit professionellen Einrichtungen besprechen und Hindernisse identifizieren. So kann es bspw. sein, dass die ratsuchende Person Angst vor einer Zwangseinweisung in eine Klinik hat. Besprechen Sie solche Sorgen mit der ratsuchenden Person und versuchen Sie ihr die Ängste zu nehmen. Es sollten nur Personen und Anlaufstellen eingetragen werden, die die ratsuchende Person auch bereit ist zu kontaktieren.

    ToDo:
    • Professionelle Hilfspersonen / Einrichtungen identifizieren (mind. eine die immer erreichbar ist)
    • Bereitschaft zur Kontaktaufnahme prüfen, Hürden identifizieren

Generelles

Wenn der Krisenplan fertig erstellt ist, gehen Sie ihn noch einmal mit der ratsuchenden Person durch und prüfen Sie bei jedem Schritt, wie wahrscheinlich es ist, dass sie ihn in einer Krisensituation wirklich durchführt. Die ratsuchende Person sollte sich weder überfordert mit dem Plan fühlen noch aus anderen Gründen Angst vor der Durchführung bestimmter Schritte haben. Wenn Sie Hürden identifizieren, sollten diese offen mit dem Klienten besprochen und ggf. auch der Plan angepasst werden. Rollenspiele können helfen, die ratsuchende Person auf schwierige Situationen vorzubereiten und gleichzeitig Hürden zu identifizieren. Zudem kann es sinnvoll sein, die ratsuchende Person zu bitten selbst zu erläutern, was sie an dem Krisenplan besonders hilfreich findet.

Fordern Sie die zu behandelnde Person auf, den Krisenplan nicht nur in die App einzugeben sondern ihn auch auf einem Blatt Papier, das bspw. im Portemonnaie mitgeführt wird, zu haben. Zwar erleichtert die App den Einsatz des Krisenplans, doch sollte die zu behandelnde Person auch Zugriff darauf haben, wenn bspw. der Smartphone-Akku einmal leer sein sollte. Sollten Sie Anregungen, Fragen oder Bedenken haben, zögern Sie bitte nicht, uns zu kontaktieren! Wir sind über Feedback sehr dankbar.

Quellen

Jobes, D. A. (2006). Managing suicidal risk: A collaborative approach. New York: The Guilford Press.

Stanley, B., Brown, G. K. (2012). Safety Planning Intervention: A Brief Intervention to Mitigate Suicide Risk. Cognitive and Behavioral Practice, 19, 256-264.

Stanley, B., Brown, G. K., Brent, D., Wells, K., Poling, K., Curry, J., et al. (2009). Cognitive Behavior Therapy for Suicide Prevention (CBT-SP): Treatment model, feasibility and acceptability. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 48, 1005-1013.

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